Drachen-LesezeitLesen · Verstehen · Entdecken
Klasse 5 · etwa 20 Minuten

EINE GESCHICHTE MIT EINEM GEHEIMNIS

Die Stimme unter dem Berg

Lies zuerst die Geschichte. Löse danach die zehn Fragen und suche deine Belege im Text.

Dein Lesetext

Erfundene Geschichte

01 Ein Dorf voller Gerüchte

Seit drei Wochen blieb der Brunnen von Felsental fast trocken. Morgens standen die Menschen mit ihren Eimern auf dem Dorfplatz und warteten auf das dünne Rinnsal. Früher war das Wasser so kräftig aus dem Steinrohr geströmt, dass die Kinder ihre Hände kaum darunterhalten konnten. Nun reichte es gerade zum Trinken und Kochen. Die Gemüsebeete wurden gelb. „Der Drache im Berg stiehlt unser Wasser“, behauptete der Müller. Er hatte nachts ein tiefes Grollen gehört und einen rötlichen Schein über den Felsen gesehen. Bald erzählten fast alle im Dorf dieselbe Geschichte. Gesehen hatte den Drachen allerdings niemand.

02 Eine andere Vermutung

Die zwölfjährige Mira war nicht überzeugt. Ihre Großmutter hatte ihr erzählt, dass die Quelle durch einen unterirdischen Gang zum Dorf floss. Außerdem erinnerte sich Mira an das heftige Gewitter vor drei Wochen. Am Morgen danach lagen große Steine auf dem Bergpfad. Vielleicht war auch unter der Erde etwas eingestürzt? Als Mira das auf dem Dorfplatz sagte, winkte der Müller ab. „Für solche Fragen haben wir keine Zeit.“ Mira fand gerade das seltsam: Wenn niemand Fragen stellte, wie sollte man dann eine Lösung finden? Sie beschloss, dem Wasserlauf bis zum Berg zu folgen. Ihrem älteren Bruder Jorin erzählte sie von ihrem Plan. Gemeinsam gingen sie los.

03 Spuren am Höhleneingang

Mira packte Brot, eine Laterne und ein Stück blaue Kreide ein. Jorin nahm ein langes Seil mit. Am Fuß des Berges entdeckten sie zwischen den Felsen eine schmale Öffnung. Davor lagen nasse Kiesel, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte. Aus der Öffnung wehte kühle, feuchte Luft. Mira zeichnete einen blauen Pfeil auf den Felsen. An jeder Abzweigung wollten sie ein Zeichen hinterlassen, damit sie den Rückweg wiederfanden. Sie zündeten die Laterne an und betraten die Höhle. Nach wenigen Schritten hörten sie das Grollen. Jorin blieb stehen. Mira bemerkte, dass das Geräusch in regelmäßigen Abständen kam, wie der Atem eines schlafenden Riesen.

04 Der Wächter der Quelle

In einer hohen Felsenhalle lag tatsächlich ein Drache. Seine Schuppen glänzten kupferfarben. Er war länger als drei Pferde, doch sein linker Flügel hing schlaff herab. Vor seinen Vorderpfoten sammelte sich Wasser in einem flachen Becken. „Bleibt dort stehen“, sagte er heiser. Jorin hob erschrocken die Laterne. Mira sah genauer hin: Der Drache hielt einen schweren Felsblock mit der Schulter fest. Unter dem Block verlief eine Rinne. „Ich heiße Arven“, sagte er. „Beim Gewitter ist die Decke eingebrochen. Seitdem halte ich diesen Stein. Wenn ich loslasse, wird der Wasserweg ganz verschlossen.“ Sein Flügel war beim Einsturz verletzt worden. Das Grollen war kein drohendes Knurren. Es war sein angestrengtes Atmen.

05 Ein Plan aus kleinen Schritten

Mira kniete neben die Rinne. Zwischen dem großen Felsblock und der Wand steckten viele kleinere Steine. Sie bremsten das Wasser. Jorin wollte sofort am größten Stein ziehen. „Warte“, sagte Mira. „Wenn wir den falschen Stein bewegen, rutscht vielleicht alles nach.“ Arven zeigte mit einer Kralle auf die lockeren Kiesel am Rand. Die konnten sie gefahrlos entfernen. Jorin band das Seil um einen flachen Stein, und gemeinsam zogen die Geschwister ihn zur Seite. Danach schöpften sie Kies und Schlamm mit den Händen aus der Rinne. Arven hielt weiter den Block. Nach einer Weile floss das Wasser schneller. Für den schweren Felsen brauchten sie aber Unterstützung.

06 Worte allein reichen nicht

Jorin blieb bei Arven, während Mira ins Dorf zurückkehrte. Die blauen Pfeile führten sie sicher hinaus. Auf dem Dorfplatz berichtete sie von der Höhle. Der Müller verschränkte die Arme. „Ein Drache, der uns hilft? Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“ Da rief ein Kind am Brunnen: „Es kommt mehr Wasser!“ Tatsächlich war aus dem dünnen Rinnsal ein kleiner Strahl geworden. Das passte zu Miras Bericht über die freigeräumte Rinne. Es bewies noch nicht jedes Wort ihrer Geschichte, machte die Menschen aber neugierig. Die Zimmerfrau nahm kräftige Holzbalken mit. Der Müller und zwei weitere Dorfbewohner holten Werkzeug. Mira führte sie zur Höhle.

07 Gemeinsam wird es leichter

Als die Menschen Arven sahen, wurden sie zunächst still. Dann erklärte die Zimmerfrau ihren Plan: Mit Balken sollten sie die Felsdecke abstützen, bevor sie den großen Stein bewegten. Jeder übernahm eine Aufgabe. Mira hielt die Laterne, Jorin reichte Werkzeug, und der Müller half beim Tragen. Erst als die Stützen sicher standen, durfte Arven seine Schulter vorsichtig zurückziehen. Gemeinsam rollten sie den Felsblock aus der Rinne. Das Wasser rauschte durch den freien Gang. Arven sank erschöpft auf den Boden. „Und der rote Schein über dem Berg?“, fragte der Müller leise. Arven hob die unverletzte Flügelspitze. Darunter glomm ein kleiner Feuerstein, mit dem er die kalten Höhlenwände beleuchtete.

08 Was sich in Felsental änderte

Am Abend füllte das Wasser wieder den Brunnen. Niemand musste mit einem leeren Eimer nach Hause gehen. Der Müller brachte Arven einen Korb mit Brot und entschuldigte sich. In den nächsten Tagen wechselten sich die Dorfbewohner damit ab, den verletzten Drachen zu versorgen. Mira besuchte ihn oft und erzählte ihm, was draußen geschah. Auf dem Dorfplatz wurden noch immer Geschichten erzählt. Doch wenn jemand mit „Alle wissen doch, dass …“ begann, fragte meist ein anderer: „Wer hat es gesehen?“ Mira freute sich darüber. Sie hatte gelernt, dass Mut nicht bedeutete, keine Angst zu haben. Manchmal bedeutete Mut, trotz der Angst genau hinzusehen und eine Frage zu stellen.

Originalgeschichte für diese Leseübung.